Von euphorischer Melancholie Belén Haefely

Von euphorischer Melancholie

Blog von Belén HaefelyWohnt in Rothrist (Schweiz)myZitate-Profil: SerenaRSS-Feed abonnieren

Nacht

Als Kinder haben wir oft Angst im Dunkeln. Wir mögen die Unsicherheit nicht, die Tatsache, dass sich alles Mögliche in dem lauernden Schwarz verstecken könnte. Wenn die Angst zu gross wird, machen wir das Licht an. Und plötzlich zeigt sich, dass der vorhin für ein grauenhaftes Monster gehaltene Schatten in Wirklichkeit bloss ein Stuhl mit Jacken ist. Und wenn selbst nach immer wiederkehrendem Anzünden des Lichts keine Ruhe in uns einkehrt, gibt es immer noch Mama und Papa, die uns versichern können, dass wir beschützt und behütet sind. So geht das Nacht für Nacht, bis wir alt genug sind, um keine Angst mehr in unserem dunklen Zimmer zu haben.

Doch diese Angst… sie bleibt. Angst ist ein Gefühl, dass wir selten bemerken. Natürlich fürchten wir uns, wenn wir einen fürchterlichen Film sehen, wenn wir schlimme Geschichten hören. Doch das ist nicht die Furcht, nicht die Angst, die uns immer wieder auf sehr klammheimlichen Wegen heimsucht. Im Grunde fürchten wir uns jeden Tag. Wir fürchten uns, etwas zu verpassen. Wir fürchten, dass ein Kampf nicht so ausgeht, wie wir es wollen. Wir fürchten, zu wenig Zeit zu haben, ganz generell. Wir fürchten uns genau wie damals vor Unsicherheit und vor der lauernden Ungewissheit. Mit dem Unterschied, dass nicht mehr wir bestimmen, wann das Licht angeht und uns unsere, vor Angstschweiss triefenden Gedanken mit der stabilen Wirklichkeit füllt. Sofern denn die Wirklichkeit wirklich das ist, was uns unsere Unsicherheit nimmt. Denn es kann vorkommen, dass, wenn das Licht angeht, tatsächlich das gefürchtete Monster dasteht, und uns keinen Weg mehr gibt, auf eine Täuschung zu hoffen. Also hat die Dunkelheit nicht auch etwas Positives? Gibt nicht die Nacht die Hoffnung, und der Tag hat einzig die Macht sie zu nehmen oder zu erfüllen? Und doch fürchten wir uns vor ihr mehr als vor ihm. Da man nicht in Sandburgen leben kann, ohne Gefahr zu laufen, dass die Flut kommt. Und da Mama und Papa nicht wie früher immer da sind, um zu helfen, nein, plötzlich brauchen sie unsere Hilfe. Plötzlich müssen wir den Mut aufbringen, den vermeidlichen Monstern gegenüber zu treten, und sich wenn nötig ihnen zu stellen.

Vielleicht steht und fällt alles mit dieser Akzeptanz der Nacht. Vielleicht werden wir immer verlieren, solange im Dunklen die Furcht überwiegt. Jeder fürchtet sich. Doch vielleicht müssen wir lernen, nicht auf das Licht zu warten, sondern die Augen zu schliessen und versuchen zu schlafen. Die Ruhe zu geniessen. Uns nicht von der Dunkelheit bedroht, sondern beschützt zu fühlen. Im Wissen, dass wir den Sonnenaufgang nicht beeinflussen können, und ebenso wenig, was er uns zeigen wird. Doch wenn wir erstmal lernen, der Nacht die Hand zur Versöhnung zu reichen, wird sie aufhören, uns mit Schatten zu ängstigen. Stattdessen wird sie uns beistehen, bis die Schatten vom Sonnenlicht beschienen werden. Mit Hoffnung. Mit all den glänzenden Sternen, die man erst sieht, wenn man direkt in den schwarzen Himmel blickt.

21.02.2016
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