In Worte gefasste Gedanken Mareike Wichmann

In Worte gefasste Gedanken

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Das neue unbekannte vertraute Haus

Ich stehe auf diesem Weg. Trotz Dunkelheit sehe ich am Wegesrand viele Bäume stehen, gar eine Allee, die mir den Weg weist. Und der Weg ist voller Steine, Sand und kleineren Grasbüscheln. Es ist kein ganz langer Weg, denn in einer nur geringen Entfernung zeichnet sich ein großes Haus von der Dunkelheit ab. Schritt für Schritt gehe ich diesen Weg weiter. An einem Zaun vorbei. An einer Wiese vorbei, deren Weite ich nicht einzuschätzen vermag. Sie scheint riesig zu sein. Riesig, wie das Haus, vor dem ich inzwischen stehe. Die Zeit rennt. Das Haus offenbart mir eine große Veranda, welche mich zu der Haustür führt. Doch was befindet sich hinter diese Tür? Was befindet sich in diesem Haus? Ich öffne die Tür und trete ein. Alles scheint zu verschwimmen. Nur weil ich mutig war. Nur weil ich das Haus betreten habe. Ein Haus, was mir in dieser Form noch nie in meinem Leben entgegen stand. Unbehagen und doch getrieben von der Neugier. Doch die Leere in dem Haus ist ganz deutlich spürbar. Irgendwas fehlt. Doch ich kann nicht sagen, was es ist. Ich wende mich zu meiner Linken und sehe eine kleine weiße Tür, welche einladend geöffnet ist. Ich gehe langsam hinein und sehe eine Küche. Ich habe schon viele Küchen in meinem Leben gesehen, doch diese ist einmalig. So viele kleine Lichter an der Decke, die die Küchenzeile in einem warmen Licht erstrahlen lassen. Mit vielen Details prägt sich mir diese Küche ein. Eine Besonderheit. Eine Obstschale mit kleinen vollen Orangen und noch grünen Bananen. Ein großer Kühlschrank und gleich daneben der besonders beleuchtete Herd. Auch ein kleiner Tisch mit genau zwei kleinen Stühlen weckt meine Aufmerksamkeit. Mit allem, was das Herz begehrt. Ein kleiner Zettel mit einer Nachricht drauf „Und meistens scheint auch morgens die Sonne.“ Ich wusste, was damit gemeint ist. Doch geht denn wirklich jeden Morgen die Sonne wieder auf? Vielleicht bleibt es manchmal auch dunkel. Und doch spürt man die Wärme. Die Wärme der Sonne, auch wenn sie nicht da ist. Die Wärme in diesem Raum, in diesem Haus. Ich vernehme die Wärme, nehme sie in mir auf und drehe mich wieder um. Auf einmal ist mein näheres Umfeld nicht mehr so stark verschwommen, wie ich es beim Betreten bemerkt hatte. Hat sich meine Wahrnehmung geändert oder liegt es an dem warmen, wohligen Gefühl in meiner Magengegend? Es wird vertrauter. Ich gehe den Flur entlang und entdecke viele kleine Bilder an den Wänden. Von Menschen. Doch diese Menschen bleiben verschwommen. Ich drehe mich von links nach rechts und von rechts nach links. Sie werden nicht schärfer. Es ärgert mich. Der Ärger will die Wärme vertreiben. Doch bevor das geschehen kann, erkenne ich die nächste Tür. Ich gehe auf sie zu und lege meine Hand bedächtig auf die Klinke. Sollte ich besser nicht reingehen? Sollte ich lieber wieder umkehren und das unbekannte, völlig neue und doch gleichzeitig mir auf eine besondere Art vertraute Haus verlassen? Nein, dafür fühlt sich die Wärme zu real und schön an. Ich spüre sie in meinem gesamten Körper. Ich konzentriere mich auf meine gleichmäßige Atmung und klopfe vorsichtig an die Tür. Keine Reaktion. Keine Geräusche. Ich lege meine Hand wieder auf die Klinke und wage den nächsten Schritt. Bin Mutig. Ich öffne die Tür. Ich sehe einen großen Kamin. Einen Tisch und eine Couch. Eine ausgeleierte kaputte Couch. Doch durch den Kamin dringen die ersten wärmenden Strahlen zu mir. Ich spüre sie an meinen Wangen, an meinen Armen, in mir. Mir ist auf einmal wohlig warm und doch habe ich mich noch nicht dazu entschlossen, einzutreten. Doch diese Wärme. Woher kommt sie? Ich sehe noch ein großes Bücherregal. Gefüllt mit vielen Büchern. „Da ist viel Wissen zu finden“, war mein erster Gedanke. So vieles, was mir unbekannt erscheint. Ich trete näher und traue mich, mir den Raum näher anzusehen. Ich merke, wie es immer wärmer, angenehmer, schöner wird. In mir. Ich merke eine auflodernde Flamme in mir, welche ich noch keiner Ursache zuordnen kann. Sie ist da. Doch unsicher bin ich noch immer. Was ist das für ein Haus? Warum strahlt es so viel Wärme aus? Wieso bin ich so unfassbar unsicher, während ich es begutachte? Ich gehe langsam wieder Schritt für Schritt aus dem Wohnzimmer in Richtung Flur. Der anfänglich wahrgenommene verschwommene Flur ist plötzlich viel klarer, schärfer. Doch es führt offenbar eine Treppe nach oben. Ich vermute es jedenfalls. Es sind nur die ersten Stufen zu sehen. Je stärker ich versuche, weitere Stufen zu erkennen, das obere Stockwerk zu erkennen, desto schwindeliger wird mir. Ich kann nichts sehen. Ich sehe nur den Flur, die Küche und das gerade verlassene Wohnzimmer. Ich spüre die Wärme. Das wohlige Gefühl begleitet mich, seitdem ich das Haus betreten habe, seitdem ich die Küche mit all ihrer Schönheit gesehen habe, seitdem ich das wunderschöne Wohnzimmer betreten habe. Die Wärme des Kamins spüre ich immer noch in mir. Doch drängt sich die Unsicherheit erneut an die Oberfläche. Was ist das für ein Gefühlschaos, welches dieses Haus in mir verursacht? Ich bin schon so viel herumgereist, habe das Meer, die Stadt, den Park und die verschiedensten Häuser gesehen, von innen betrachtet. Und doch hat keins dieser Häuser solch eine Unsicherheit, Begierde, Neugier und Anziehung auf mich ausgeübt, wie dieses, welches ich durch einen dummen Zufall gefunden habe. Oder hat es mich gefunden? Viele Zimmer auf der unteren Ebene erscheinen mir noch immer völlig verschwommen. Ich blinzele, versuche meine Augen zu schärfen. Vergeblich. Was für ein dummer Zufall. Nur durch einen dummen Zufall bin ich auf diesen Weg gestoßen. Er war nicht sehr schön. Er war voller Sand, voller großer Steine und voller vertrocknetem Gras. Auch Blumen konnte ich nicht sehen. Doch haben mich meine Neugier, meine Abenteuerlust und mein Zugzwang dazu geführt, diesen Weg weiterzugehen. Zu aufwendig wäre die Suche nach einem neuen Weg. Ich kann mich nicht mehr von dem Haus trennen. Ich bin wie in einem Bann, welcher das Haus ausstrahlt. Woher kommt diese Vertrautheit und gleichzeitige Unsicherheit? Dieses Haus ist so besonders, dass es mir Angst macht. Vieles bleibt verschwommen und ich kann nichts weiter erkennen. Doch muss ich wohl die Zeit voran schreiten lassen, damit ich das Haus immer näher und besser betrachten kann. Damit ich weitere Zimmer finden und bewundern kann. Doch frisst die Zeit eine Menge von mir auf. Nichts sehend, unsicher, verängstigt, gewärmt stehe ich da. Ich stehe auf der Veranda, die Haustür noch offen. Selbst hier draußen spüre ich noch diese Wärme und Geborgenheit, die von diesem Haus ausgeht. Doch was verbirgt sich hinter den anderen Türen? Wieso kann ich die obere Etage nicht erkennen? Wieso bleibt alles verschwommen? Es fühlt sich an, als müsste ich ein Puzzle vervollständigen, ohne dass ich das Motiv kenne. Viele Teile fehlen mir noch. Und doch habe ich das Gefühl, dass es sich lohnt, sich an diesem Puzzle weiterhin zu versuchen. Doch ich stehe alleine davor. Es sind meine Entscheidungen, die ich treffen muss. Es sind meine Versuche, das Puzzle zu vervollständigen, das Motiv fertigzustellen, das Haus weiter kennenzulernen, zu prüfen, die nötige Distanz zu wahren und etwas völlig neuem entgegenzutreten.

12.12.2015
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