Zauberschule Natalie Baldin

Zauberschule

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von Regenwolken und Mundwinkeln

Es war einmal ein Junge. Er war sehr traurig, denn er hatte in seinem Leben schon sehr viele traurige Dinge erlebt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man ihm seine Eltern gestohlen hatte. Aus diesem Grund lebte er in einem Internat. Und dort wurden ihm gleich in der ersten Nacht seine beiden Beine geklaut. Er lief nun auf Holzbeinen, die der Hausmeister für ihn gebaut hatte. Dieser Junge hatte sehr viel Pech. Egal wohin er ging, es schwebte immer eine große Regenwolke über seinem Kopf und regnete. Niemand wollte bei ihm sein, weil keiner es mag nass zu werden. Er war so traurig, dass seine Mundwinkel, wie bei einem sehr alten sehr traurigen Mann, sehr weit nach unten hingen. Ja, sie waren durch das viele Nach-unten-hängen schon ganz ausgeleiert und hingen bis auf den Boden. Das war schlimm, denn oft kam es vor, dass er auf einen seiner Mundwinkel trat und ein Stück davon abriss. Das tat weh. Und so steckte er seine Mundwinkel immer in seine Hosentaschen. Er sah damit sehr albern aus aber immerhin umging er den Schmerz. Wer schon einmal auf seinen Mundwinkel getreten ist, weiß wie weh das tut. Da über dem Kopf des Jungen eben diese Regenwolke waberte und er niemandem vertraute, weil er Angst hatte, erneut beklaut zu werden, war der Junge sehr einsam. Jeden Abend schloss er sich in sein Zimmer ein und weinte mit der Regenwolke um die Wette. Aber es gab eine Sache, die der Junge sehr gerne tat. Er liebte es Geschichten zu erzählen. Wenn er erzählte, wanderten seine Mundwinkel aus seinen Hosentaschen in die Höhe. Sie schoben die Regenwolke einfach beiseite und durchstießen mühelos die Zimmerdecke und das Hausdach. Sie wanderten bis in den Himmel, wo sie über der Wolkendecke von Engeln geküsst wurden. Einmal, als der Junge wieder seine Geschichten erzählte und die Engel seine Mundwinkel küssten, kamen die anderen Jungen von den Nachbarzimmern herein, weil sie gehört hatten, wie der Junge sprach. Sie erfreuten sich an seinen Worten und versammelten sich um ihn herum und hörten zu. Der Junge, der spürte, dass er nicht länger allein war, erzählte eine unendliche Geschichte. Er wollte nie wieder aufhören zu reden, weil er Angst hatte, die anderen würden wieder verschwinden, wenn er ein Ende fand. Es wurde Tag und Nacht, Tag und wieder Nacht. Er vergaß zu essen und zu trinken. Sogar das Atmen vergaß er in seinem Rausch. Die Engel merkten, dass der Junge bald seine gesamte Kraft aufgebraucht haben würde. Seine Mundwinkel waren ganz blau und brüchig. Und so begannen sie an ihnen zu ziehen. Sie zogen den Jungen mühelos durch die Zimmerdecke und das Hausdach und bis in den Himmel, wo sie ihn auf die Wolkendecke setzten. Hier spürte der Junge den Verlust seiner Beine gar nicht. Denn er hatte ja Flügel. Und er bekam auch seine Eltern zurück.

03.01.2014
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